03.04.2015 - Pizzo Scalino: Südlicht und Schweissperlen
Von: Alain Hauser
bekannter Schreibtäter vor Berninagruppe

Pizzo Scalino in südlichen Gefilden

Abstieg vom Scalino-Gipfel

Abstieg vom Scalino-Gipfel

üble Ladung
„Söu i, söu i nid?”: Natachas musikalisch verarbeitete Grüblerei geht mir am Abend des Gründonnerstags durch den Kopf. Soll ich mich für 1900 Höhenmeter Schinderei anmelden, schlecht trainiert, mit höchstens vagen Erinnerungen, wann ich zum letzten Mal auf einer Skitour war? Soll ich nicht? — Ich mach's.
Der Morgen sollte mich nicht enttäuschen: nach Tagen mit Sturm, Wolken und Schneeschauern empfängt uns ein Vollmond-Morgen nur noch mit Sturm. Nebst den Schneeschauern fehlt in Selva oberhalb Poschiavo leider auch der Schnee, so dass die Skitour damit beginnt, mit aufgeschnallten Skis und eingeschalteter Stirnlampe nach dem Schnee zu suchen. Dieser ist im Wald alsbald gefunden, nicht zuletzt dank Retos Suchscheinwerfer, der uns schon früh zum Gebrauch der Sonnenbrille zwingt.
Oberhalb des Waldes gelingt es der Sonne irgendwann, Reto zu überstrahlen. Welch' Panorama sich da vor unseren Augen ausbreitet – wenn man denn Zeit hat, es zu bewundern. Das tolle Wetter und der harte Frühlingsschnee lassen die Strapazi-Meute ganz kribbelig werden und wie kraftsprühende Schlittenhunde davonrennen – nur leider ohne Geschirr und Schlitten. Toni hat kaum mehr ein Auge für Pausenplätze.
Zugegebenermassen sind die Verhältnissse heute aber auch schwierig. Im Pausenbulletin des Vortags hiess es, die Pausenplätze seien „heimtückisch unter der kompakten Frühlingsschneedecke versteckt” und „nur für ein geübtes Auge erkennbar”; die Tourenplanung erfordere „Zurückhaltung” und „viel Erfahrung in der Pausenwahl”. Und da wurde Toni natürlich auf dem falschen Fuss erwischt: das ist halt gerade die alpine Disziplin, in der er nicht mit übermässigem Naturtalent gesegnet ist. Aber was nicht ist, kann ja noch werden! Der SAC hat doch dafür bestimmt einen Kurs im Weiterbildungsangebot... Genau, z.B. hier: Kurs 0621, 2 Tage: „Slow up: entschleunigtes Bergsteigen als Weg zum eigenen Ich”; oder hier: Kurs 0758, 1 Tag: „Brot für die (Berg-)Welt: vom Wert guter Ernährung im Alpinismus”.
Die frühmorgendliche Einsamkeit des Aufstiegs erfährt bald nach dem Pass Cancian ein jähes Ende: Horden von Skirennläufern tauchen in der Ferne als kleine Punkte auf, um nur Minuten später auf dem Gletscher an uns vorbeizuflitzen. Der Grund für ihre Eile ist schnell erkannt: die hauchdünnen Leggins, die selbst die Unterhosen durchscheinen lassen, erlauben die Stabilisierung der Körpertemperatur auf einem gesundheitlich unbedenklichen Niveau wohl nur mittels einer Bewegungsaktivität, die anderswo als ADHS diagnostiziert und medikamentös behandelt würde. Auf unsere Oberstrapazis scheint die Zappeligkeit der italienischen Rennläufer ansteckend zu wirken, verschwindet doch auch Marcel bald als Punkt am Horizont. Unsereins allerdings hechelt hinterher, angetrieben von den letzten paar Glukose-Molekülen, die während des letzten Mikrosekunden-Halts hastig von der Kondensmilch-Tube in den gierigen Schlund befördert werden konnten, ausgebremst allerdings von einem Blutdruck, der mehr oder weniger postmortale Dimensionen annimmt. Und kurz bevor es mir ganz schwarz vor Augen wird, taucht schemenhaft das Gipfelkreuz vor meinem Auge auf; oder ist das jetzt bloss eine Nahtod-Phantasie, eine Halluzination, wie sie schon die traumatisierten Matterhorn-Erstbesteiger 150 Jahre zuvor erfahren haben?
Während Toni die umliegenden Veltliner Gipfel und Reto die umstehenden Puschlaver Sportler bestimmen, gelingt es mir immerhin, einige Bissen Biberli runterzuwürgen, was den Blutdruck und parallel dazu die Laune merklich anhebt. So geht denn die Abfahrt über den Gletscher ganz nett vonstatten, nicht zuletzt dank des pistenartig harten Schnees. Überhaupt ist der grösste Teil der Abfahrt ein Genuss, nebst dem erwähnten Hartschnee wartet in unteren Gefilden ein netter Frühlingssulz auf uns. Nur dazwischen, zwischen Hart- und Sulzschnee, sind einige Höhenmeter Bruchharsch zu überwinden. Doch genau dieser Bruchharsch erdreistet sich, den Ski eines nicht namentlich zu nennenden Gruppenmitglieds hinterlistig abzudrehen, was zu einem spektakulären Sturz unter Abstossung weiterer Ausrüstungsgegenstände und einiger Flüche führt, und in letzter und erstaunlichster Konsequenz zur ausgiebigsten Pause der restlichen Gruppenmitglieder. Die niedersten Triebe dringen da an die Oberfläche, die Lust nach panem et circenses, Überbleibsel römischer Dekadenz, auch 2000 Jahren „Kulturentwicklung” später nicht ausgemerzt: da hocken die sich hin, knabbern ihre Brötchen und laben sich am armen Tropf, der den Hang hoch- und runterstapft, um Skier, Stöcke und Extremitäten wieder einzusammeln! O tempora, o mores; horribile dictu! Und zu allem Überfluss wird dem Verunfallten auch noch das Verfassen des Blogs aufgebrummt! — Moment: bleibt da die Anonymität gewahrt?
Wie dem auch sei: der restliche Schnee beschert der ganzen Gruppe eine bequeme Abfahrt bis genau an den Waldrand, der restliche Abstieg durch die matschigen Frühlingswiesen dreckstrotzende Skischuhe. Letztere wiederum bescheren Toni gewisse Sorgen um die Präsentationstauglichkeit seines Autos, weswegen die ganze Truppe Schuhputzdienst im erstbesten Rinnsal leisten muss, gefolgt von kritischer Begutachtung durch den Obersten. Ein würdiger Abschluss einer mit militärischer Härte geführten Unternehmung!