21.04.2019 - Königin am Piz Bernina

Von: Sibylle Schnarr


Sunrise

erste Sonnenstrahlen am Piz Bernina

Verschnaufpause im Abstieg

wilder Spallagrat zum Piz

summiters on top

Labyrinth

Vorspann: Bei der gestrigen Tour zum Pizzo Scalino hat Mann ein Loch am Hintern in meiner Farbtupferhose entdeckt, wie peinlich, und Toni als Chef der Truppe meinte: "So nehmen wir dich morgen zum Piz Bernina nicht mit". Puh, das bedeutet nebst allen anderen Vorbereitungen für eine solche Skitour auch noch an die Nähmaschine setzen. Als ob ich nicht schon genug gestresst und aufgeregt bin wegen der morgigen Tour.

Also wie war das doch gleich, empfehlenswerte Frühjahrsskitouren für an seniler Bettflucht leidende Strapazis.Da war ja der Treffpunkt 04:30 Uhr, wohlgemerkt Sommerzeit, bei der gestrigen Tour zum Scalino fast schon exklusiv im Gegensatz zu heute auf den Piz Bernina. Der Wecker klingelt um 01:15 Uhr, zuerst pfudere ich etwa 10 Minuten im Selbstgespräch mit mir herum, was soll das...leg dich wieder hin...im Bett ist so kuschelig und überhaupt schon wieder quälen...doch dem Reiz den einzigen 4000er von Graubünden zu besteigen konnte ich dann doch nicht widerstehen. Die anderen fröhlichen Strapazi-Osterhasen lagen sicher noch im Bett, schon unfair, doch ich reise von Scuol an und das braucht Zeit. Also schnell Zähne putzen, kaltes Wasser ins Gesicht spritzen, eincremen, Kaffee schlürfen und ab ins Auto. Mit den umherstreunenden Hirschen neben der Strasse hab ich's dann lieber nicht aufgenommen und lasse sie links liegen. Aber um 02:40 Uhr  sprangen mir zwei Osterhasen in Zuoz zu, welche ich fürs bevorstehende Gipfelfest einpackte. Die angekündigte Biketour bis zum Gletscher wurde gecancelled, da der Schnee bis zum Bahnhof Morteratsch lag. Wir konnten also um 3 Uhr die Ski anschnallen und träumend im Vollmondlicht dahin wandern. Immer wieder aufkreuzende Gedanken, schaff ich's oder schaff ich's nicht schwirren mir im Kopf herum. Es ist schon en echte Rieeme mit 2400 hm und 25 Km, und halten die Schneebrücken von Spalt zu Spalt? Es ist wohl schon mal ein Strapazi reingeplumpst, zum Glück ohne gravierende Folgen. Trotzdem stelle ich mir das nicht lustig vor im ewigen Eis herum zu baumeln. Gut, dann vertraue ich einfach oder doch lieber doppelt unserem Häuptling. Zum Glück war ich nicht alleine mit dem Gedanken, ob wir das schaffen. Dies beunruhigte mich insofern, da jenes Strapazimitglied viel jünger, fitter und männlich ist, also auch mehr Mukis vorhanden. Sollte ich doch lieber umkehren? Nein kommt nicht in Frage, wir schaffen das (Zitat A.M.). Wir kommen zügig voran. Es waren eben Cracks dabei, die uns wenigstens mit ihrer mentalen Leine mitzogen. Toni gab das Tempo an, Gottseidank, ansonsten verpufft es einem schon früh bei solcher Mammuttour. Während einem traumhaften Sonnenaufgang mit mega Lichtbildern tigern wir uns schlängelnd im Zickzack den steilen Hang zum "Buuch" hinauf. Dabei stelle ich mir die Frage, ist da ein Körperteil oder was zum Lesen gemeint? Während der Tour vermeide ich zwischendurch den Blick nach oben, auweia das hört ja nicht auf. Schaff ich's oder schaff ich's nicht? Erste Dopingpause, ich vertilge meinen Honigtopf bis kein Rest mehr am klebrigen Finger haftet.So hat jeder Strapazi sein eigenes Rezept bezüglich Doping, denke auch an die legendäre Kondensmilch in der Tube!  Ausserdem wird jetzt auch angeseilt, schliesslich weiss man ja nie ob die Schneebrücken unseren Fliegengewichten standhalten. Kaum oben am Buuch angelangt gibt es eine kurze Abfahrt mit Fellen und am Seil. Was für ein grässliches Unterfangen. Leider beherrsche ich das überhaupt nicht und rupfe Toni hin und her. An dieser Stelle Entschuldigung und danke für's Verständnis und nicht Ausrufen ;-) Ab hier nochmals ein gnadenloser nicht enden wollender Anstieg Richtung Marco e Rosa Hütte und dann rechts halten zum Skidepot mit freier Sicht zum Spallagrat. Hei da ist ja richtig was los, Weicheivariantler von der MeR Hütte waren schon früh zum Gipfel unterwegs. Ich erschrecke, was, da soll ich rüber klettern? Nee nee nee noch dazu keine kurze Strecke, zumindest für mich als Klettergreenhorn. Weiter im Schritt zum Skidepot mit grossem Respekt vor diesem Grat. Ich hatte mir den Grat anders vorgestellt. Der zum Skidepot führende Gletscherhang war spaltenfrei und Toni befreite mich vom Seil. Er meinte, er wird mich weiter oben wieder anbinden, bis dahin möchte er doch seine Freiheit geniessen und jeder könnte seinen Rhythmus laufen. Ja ja hab schon verstanden und gebe zu, dass ich immer langsamer wurde. Kein Wunder bereits 2000 erklommene Höhenmeter, viele Kilometer und die momentane Meereshöhe 3600 machen sich bemerkbar, ich schnaufe wie ein Walross und beruhigend ist, ich bin nicht die einzige die am Anschlag kämpft. Zweiter Honigtopf ist fällig und am Skidepot teile ich mit meinem Bedenken habenden Gleichgesinnten meine Geheimwaffe, psssst nichts wird verraten, für den Schlusspurt nach oben. Den Achter zum Anseilen beherrsche ich immer noch nicht, kein Wunder, da verlasse ich mich jedes Mal auf unseren Häuptling, der hat sooo viel Erfahrung. Nun die Entscheidung, ich überlege lieber nicht, denn einerseits ist da der "unbekannte" völlig neutrale Gruppenzwang und andererseits bin ich schon so weit gekommen, da wird wegen ein bisschen Kletterei nicht gekniffen und schliesslich habe ich im letzten Sommer heimlich an schroffen Gipfeln ein wenig geübt. Ebenfalls heisshungrige Berninafans, diejenigen von der Weicheivariante kommen uns entgegen, auch auf unserem Rückweg gibt es an der Schlüsselstelle Staus. Sowas kennen wir hier im Engadin nicht, die Unterländer sind das gewohnt, also auf der Strasse meine ich. Hier sind wir heute wohl im Unterland. Es ist Ostersonntag, schönes Bergwetter und viele wollen den Piz Bernina stürmen. Endlich auf dem Gipfel stehend gratulieren mir meine begleitenden fröhlichen Osterhasen und küren mich zur Königin Bernina, so herzig und was für eine Ehre ;-) Als Klettergreenhorn bin ich nervlich so angespannt, dass ich noch nicht so recht realisiere, dass ich tatsächlich auf dem Piz Bernina stehe. Dieses Highlight erlebe ich erst am Abend zuhause. YES YES YES I did it  jiiihaaaa und mit juchzelfuchtel-Tanz schwebe ich durch die Wohnung, albern aber lustig. Die Abfahrt ist alles andere als Genuss pur, da muss wohl ein Kreuzfahrtschiff mit 100en AHV'lern wellenschlagend die Hänge durchpflügt haben und meine Beine sind zu müde um den gnadenlosen Wellenschlägen standzuhalten. Ich sage nur "Kamikazestil"! Jetzt kommt auch noch der Gegenanstieg und ich werde iiiimmmmmeeeeer laaaangsaaaamer, naja bin halt nicht mehr zwanzig und der Schnuuf in dieser Höhe fehlt auch. Der Buuch-Steilhang wird bei der Abfahrt zur Tortur, bloss nichts anmerken lassen und so tun als ob nichts wäre.  Weiter unten geniessen wir noch schöne Firnhänge, eine Wohltat und Wellness pur. Der Schlusspurt auf der Loipe vom Gletscherende bis Cafe Morteratsch bestreiten die männlichen Osterhasen unter sich. Wer als erster die Ziellinie erreicht hat entzieht sich meiner Kenntnis, zu weit abgeschlagen war ich. Auf den so lang ersehnten Cappuccino und Apfelstrudel muss ich wegen Überfüllung der Sonnenterrasse leider verzichten. Nach demokratischer Abstimmung verlagern wir uns auf die Terrasse am Bahnhöfli Pontresina. Dort wird die Königin gefeiert und sie lässt es sich was kosten, trotz Widerstand einiger Mitleidenden. Ich heute Königin, ich lade ein! "Aber Sibylle du bist doch immer unsere Königin" meint einer der Osterhasen, soll das heissen ich darf immer zahlen?...schallendes Lachen...nein nein so war das nicht gemeint. Aber danke für das Kompliment :-) ich fühle mich geehrt. Ach die Strapazijungs sind doch die allerbesten und wenn sie mal nicht auf Tour dabei sein können vermisse ich sie auch schon. Bei Senza Bier, Schorley, Cola, Cappu, Glace und Kuchen wird richtig gefeiert und über erlebte Anekdoten gelacht. Apfelstrudel gibt's auch hier nicht, vielleicht sollten wir mal zum Nachbarn über die Grenze, da gibt es auch schöne reizvolle Gipfel, gell Toni ;-)  Und zum Abschluss: Danke Toni dass du dich immer wieder als Täter opferst uns die schönsten Pizzerien näher zu bringen und kennenzulernen. In diesem Sinne freuen wir uns auf die nächsten mehr oder weniger qualvollen Abenteuer mit dir. Herzlichst Sibylle mit dem Rest der "Strapazigäng"